2021 – Ein Weinjahrgang wie in den 1960er Jahren!

1921 war der wohl spektakulärste Jahrgang des 20. Jahrhunderts. Die Trauben waren sehr reif, der Most blieb in der Gärung stecken und erstmals gab es Weine mit fruchtiger Restsüße. Die Konsumenten liebten diesen neuen und ungewohnten Weinstil, hatten sie doch infolge der Hungerjahre während des 1. Weltkriegs einen Heißhunger auf solche Genussfreuden.

Wir Winzer hegten die Hoffnung, dass sich 100 Jahre später die Geschichte wiederholen könnte. Doch es kam ganz anders. Der Winter und das zeitige Frühjahr 2021 waren kalt und sehr trocken; dafür schien die Sonne im März und April umso intensiver. Im Monat Mai dauerten die kühlen Temperaturen an, ohne allerdings zu Spätfrösten während der Eisheiligen zu führen. Für den raschen Austrieb der Reben sorgten ausgiebige Regenfälle, so dass wir auf die alte Bauernregel setzten: „Ist der Mai kühl und nass, füllt‘s dem Bauern Scheun‘ und Fass!“ Das teils von Starkregen und Gewittern geprägte Wettergeschehen setzte sich im Früh- und Hochsommer fort. In dieser Vegetationsphase kam es zu einem erhöhten Pflanzenschutzbedarf, um die Reben und die heranwachsenden Trauben vor Pilzbefall zu schützen. Auch die Sonne schaffte keine stabilen Hochdruckwetterlagen. Der Sommer 2021 war einfach zu nass, zu kühl und zu trübe, um an die letzten Jahre, die durch die Klimaerwärmung gekennzeichnet waren, anschließen zu können. Nein, ganz im Gegenteil! Man fühlte sich um 50 Jahre zurück-versetzt, in eine Zeit, als die Ernte reifer Trauben in unserem Anbaugebiet nicht selbstverständlich gewesen war.

Ende August rechneten wir mit einem wesentlich späteren Erntebeginn als in den zurückliegenden Jahren. Obwohl wir es durch erhöhten Arbeitsaufwand geschafft hatten, in unseren Weinbergen gesunde Trauben heranreifen zu sehen, mussten die Erwartungen an die Erntemenge und die Qualität zurückgeschraubt werden. Doch dann vollzog der Wettergott eine unerwartete Wende: Die Herbstmonate September und Oktober waren überaus sonnig, warm, trocken und jagten – wie im Gedicht „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke – „die letzte Süße in den schweren Wein“. Wir starteten am 11. Oktober die Lese der Rieslingtrauben. Die Mostgewichte stiegen zusehends, die Säurewerte purzelten und auch die Saftausbeute sorgte für einen akzeptablen, wenn auch nicht üppigen Mengenertrag. Ende gut, alles gut?

Wir haben überwiegend Qualitäts- und Kabinettweine geerntet. Die Menge an höheren Prädikaten ist gering. Obwohl wir – wie gewohnt – in mühevoller Selektion edelreife Rosinen für eine Trockenbeerenauslese aus der Wehlener Sonnenuhr „gepiddelt“ haben, werden uns doch Auslese–Weine fehlen. Der Jahrgang 2021 profitiert von einer üppigen Mineralisation während der nassen Sommermonate, so dass extraktreiche Weine auch die Fruchtsäure perfekt einbinden. Unser Lesegut war gesund; die Weine werden eine klare Rieslingaromatik aufweisen. Wir erwarten eine ausgezeichnete Haltbarkeit und vergleichen den Jahrgang mit den Ernten 2004, 1996 und 1991. Durch den späten Lesebeginn hoffen wir nach 2016 auch auf eine mögliche Eisweinlese im Mülheimer Helenenkloster. Dazu müsste es allerdings knackig kalt werden.

Trotz der weltweiten Corona – Problematik sind wir mit dem Absatz unserer Weine sehr zufrieden. Der Jahrgang 2020 überzeugt als klassischer Moselwein. Dafür haben wir viel Anerkennung von unseren Kunden und der nationalen und internationalen Presse erhalten.

Wir wünschen Ihnen und Ihren Angehörigen friedvolle Fest– und Feiertage sowie ein gutes Neues Jahr!

Dr. Dirk und Constantin Richter

Filed under: Aktuell, DEUTSCH